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Die Dagoberturkunde


Wenn man die relativ schlüssigen Beziehungen zu römischer Besiedlung in die Frage einmünden läßt, wie alt denn Osterspai sei, kommt die Neigung sicherlich auf, unserem Ort zumindest ein hohes Alter zuzusprechen.
Jedoch ließen sich Aussagen, wonach der Ort auch schon zur Römerzeit existiert habe, mangels schriftlicher Urkunden kaum beweisen.
Dennoch wollen oder müssen wir uns mit der sogenannten Dagoberturkunde aus dem Jahre 633 oder 646 beschäftigen, da sie in vielerlei Hinsicht für die Geschichte Osterspais und für vieles, was dazu gesagt wird, von grundlegender Wichtigkeit ist.

König Dagobert, ein Merowingerkönig, bestätigt dem von seiner Tochter Irmina gestifteten Kloster Oeren bei Trier dessen Besitzungen und erwähnt dabei unter anderem auch die Besitzungen in Spela. In der Geschichtsforschung konnte bislang keine Klarheit darüber erzielt werden, ob die Urkunde aus den Jahren 633 oder 646 stammt, was aber für unsere Betrachtungen auch von minderer Bedeutung ist.

In Fachkreisen war man längere Zeit überzeugt, daß mit dem Ort Speia nur Osterspai gemeint sein konnte, zumal, wie wir noch sehen werden, handfeste Beweise für diese Meinung vorzuliegen schienen.

Um das Ergebnis der Forschungen aber jetzt schon vorwegzunehmen, im Mittelrheinischen Urkundenbuch wird die Dagoberturkunde als falsch herausgestellt, eine Meinung, die auch heute kaum noch in Zweifel gezogen wird.

Um das alles zu verstehen, müssen wir folgendes wissen.

In der Urkunde werden dem Kloster Weinberge, Mühlen, Wiesen, Weiden, Wälder und Wasser zugewiesen in den Orten: „Machara, Corniche, Baldebrunne, Hildenesheim, Vualeheim, Speia und Brunneche“.

Diese Orte sind nach Aussage des Textes alle "in pago Muslensae", also im Moselgau gelegen. Das Mittelrheinische Urkundenbuch gibt uns auch Aufschluß über die Lage dieser Orte, so sind Machara identisch mit dem heutigen Grevenmachern und Brunneche mit dem Ort Born a. d. Sauer.

Beide Orte liegen in Luxemburg.

Corniche ist der heutige Ort Körrig im Kreis Saarburg und Vualeheim bedeutet Wahlen im Kreis Merzig.

Kein sicherer Nachweis ist für die Orte Baldebrunne und Hildenesheim zu erbringen. Bei Speia haben wir es allerdings mit einem von Trier weit abgelegenen Ort zu tun, der bei Zell an der Mosel angesiedelt wird und im 9./10. Jahrhundert von den Normannen zerstört worden sein soll.

Von dieser Urkunde verwahrte das Klosterarchiv Trier angeblich zwei Originale, wovon eine bei dem Ort Speia noch eine Grenzbeschreibung enthält, die aber bei der anderen Urkunde fehlt.

Dieser zusätzliche Einschub einer Grenzbeschreibung enthält Namen wie: „Dinkolter, alden Falkenburne, richenheiden, Cameric, breidenwisen, Engelburne und Aldenbuche“.

Die Namen sind alle nachweisbar und bezeichnen mit einer Ausnahme Flächenbezirke an der Gemarkungsgrenze Osterspais.

Keinen Erklärungsbedarf gibt es wohl für das Wort „Dinkolter“.

Mit der Bezeichnung „alden Falkenburne“ ist der heutige Falkenborner Hof gemeint, während „richenheiden“ an eine Flurbezeichnung östlich der Büchelborner Höfe erinnert.

Der Name erscheint zumindest noch in einer Grenzbeschreibung des Amtes Braubach aus dem Jahre 1641.

Cameric bezeichnet die Gemeinde Gemmerich, breidenwisen existiert heute noch und ist im Flurnamenverzeichnis der Gemeinde Osterspai als Breitwiese aufgeführt.

Auch der Name "Engelburne" ist nicht ausgestorben, hier handelt es sich um einen zur Gemeinde Dahlheim gehörenden Flurdistrikt. Der Dahlheimer Pfarrer Pfaff, vielleicht beeindruckt von der Bezeichnung "Klosterfeld" als benachbarter Flur, ließ im Jahre 1910 in dieser Gegend Grabungen durchführen und entdeckte dabei Mauerreste, was zu der Annahme führte, es könne sich um die Reste eines ehemaligen Klosterhofes handeln.

Wenn dem so wäre, würden natürlich die Flurbezeichnungen "Engelborn" und "Klosterfeld" eine ganz eindeutige Entstehungsgrundlage haben.

Kommen wir nun zu der letzten in der Fälschung erwähnten Flurbezeichnung, nämlich "aldenbuche", denn damit befinden wir uns wieder auf Osterspaier Gebiet, und zwar im Heiligenbachtal.

Noch im Jahre 1753 ließ der Freiherr von Waldenburg, der zu dieser Zeit die Ortsherrschaft innehatte, eine Flurkarte für das Hoheitsgebiet Osterspai erstellen, in der bei der Aufführung der Grenzsteine ein "Stein am alten bauch" erwähnt wird.

Dieser Karte verdanken wir auch noch weitere Erkenntnisse, die bei der späteren Ortserklärung noch eine Rolle spielen werden.

Dennoch soll die Karte dem interessierten Leser jedoch jetzt schon zur Kenntnis gebracht werden, um damit auch frühere Ausführungen etwas besser zu illustrieren.

Wenn wir uns an die Beschreibung der Sonderrolle der Büchelborner Höfe im Verlaufe des späten Mittelalters und am Beginn der Neuzeit erinnern wollen, so zeigt uns die Karte in unverkennbarer Weise, daß die Büchelborner Höfe dem Osterspaier Hoheitsgebiet einverleibt sind, eine Meinung, die von der Osterspaier Herrschaft, wie ausgeführt, zwar immer vertreten wurde, die aber in praxi nicht immer ihre Bestätigung gefunden hatte.

Man muß sich natürlich nun mit Recht fragen, warum können all diese Dinge, die doch . in der Wirklichkeit nachzuweisen sind, als Fälschung bezeichnet werden, und welches Interesse bewog den Fälscher zu seiner Handlung?

Die Fälschung wird als im 10. Jahrhundert entstanden eingestuft, was in der historischen Literatur als Meinung aber nicht allenthalben geteilt wird.

Dem Fälscher mußte bewußt sein, daß die in der Originalurkunde bezeichneten Orte alle als im Moselgau liegend qualifiziert waren.

Hinzu kommt, daß die Fälschung sich auffallenderweise ausschließlich auf den Ort „Speia“ bezieht, bei allen anderen Besitzstellen werden solche Einzelangaben wie bei dem Ort „Speia“ nicht gemacht.

Hierin liegt aber gleichzeitig auch schon ein Teil der Erklärung.

Nicht besonders schwer dürfte es gewesen sein, für den Moselort „Speia“ die Umstände so zu verändern, daß der rechtsrheinisch gelegene Ort „Speie“ (Osterspai) als der eigentlich gemeinte Ort erscheinen mußte.

Dafür eignete sich freilich vortrefflich eine Flurbeschreibung, die auf „Speie“ paßte.

Und weil das so geschah, dürfte man unschwer folgern können, daß dem Fälscher die Flurverhältnisse in"Speie" schon ziemlich bekannt gewesen sein mußten.

Die gezielte Absicht der Fälschung dürfte somit kaum hinwegzudiskutieren sein. So sagt denn auch das Mittelrheinische Urkundenbuch auf Seite acht vollkommen zutreffend: „Dieses Spei liegt am Rhein, jenes an der Mosel.“

Zur weiteren Erklärung der Fälschung muß uns bewußt sein, daß das Kloster Oeren, dem diese Besitzstände bestätigt werden, immer in königlichem Besitz war und nicht unter dem Schutz des Erzbischofs von Trier gestanden hat.

Nach den Untersuchungen von Dopsch liegen aber in dem Machtstreben des Erzbistums Trier, das Kloster ebenfalls in seine Besitztümer einzureihen, auch leicht einzusehende Gründe, die die Fälschung begünstigen.

Die Trierer Kirche legte besonders im 10./11. Jahrhundert große Mühen an den Tag, ihren Einfluß auch auf das rechtsrheinische Gebiet auszudehnen, was ja später auch gelang, wie wir noch sehen werden.

Es gab in dieser Zeit ein nicht gerade geringes Konkurrenzdenken zwischen den Erzbischöfen von Trier, Köln und Mainz, das gelegentlich sogar in Formen zum Ausdruck kam, die mit christlicher Nächstenliebe kaum etwas zu tun hatten.

So wogten denn die Kulissenkämpfe hin und her, bis schließlich im Jahre 1000 unter Otto das Kloster Oeren endgültig dem Erzbistum Trier zugeschlagen wurde." Das Trier erst recht von diesem Zeitpunkt an ein ganz besonderes Interesse an einer handschriftlichen Niederlegung der räumlichen Erfassung des hiesigen Gebietes haben mußte, ist allzu verständlich.

Die Durchsetzung dieses Gedankens ließ sich um so leichter verwirklichen, als im Jahre 1031 Kaiser Konrad II. dem Erzbischof Poppo von Trier die gesamte Grafschaft Marfels (Marienfels), wozu auch Osterspai gehörte, zum Geschenk machte.

Spätestens jetzt dürfte wohl der Einfluß Triers im rechtsrheinischen Einrichgau (das Gebiet zwischen Lahn, Rhein, Wisper und Aar) groß genug gewesen sein, um Einzelheiten über die Osterspaier Feld- und Waldflur in Erfahrung bringen zu können.

Die Fälschung, die sich aus dieser Sachlage heraus ebenfalls gut erklären ließe, müßte also nach demjahre 1031 entstanden sein und nicht, wie oft angenommen, im 10. Jahrhundert.

Die Tatsache, daß in dem neuen Interessenbereich eine Ortschaft „Speie“ vorhanden war, paßte natürlich vortrefflich, um diese an die Stelle des in der Urkunde aufgeführten „Speia“ treten zu lassen und so einen Besitzstand in Osterspai vorzutäuschen, der dem Kloster Oeren, das inzwischen zu Trier gekommen war, schon angeblich seit Jahrhunderten, nämlich seit 646 gehörte.

Die „Fast-Gleichheit“ der Namensgebung ließ, so dachte man, einen Argwohn hinsichtlich der Echtheit der Urkunde kaum aufkommen.

Dies ist ein klassisches Beispiel für die Beweggründe, die in damaliger Zeit zu einer Reihe von Urkundenfälschungen zur Wahrung angeblicher Besitzstände führten.

Hintergrund dieser Handlungen war möglicherweise auch schon der sich bereits abzeichnende Investiturstreit vom Jahre 1075 bis 1122, bei dem es zwischen den deutschen Kaisern und den Päpsten um die Einsetzung der Bischöfe in ihre Ämter und freilich auch um die Belehnung dieser Herren mit weltlichem Besitz ging.

Wenn dabei die bereits vorher zumindest auf dem Papier errungenen Besitzstände die Handlungen mitbestimmen konnten, war das sicherlich nicht ungelegen.

Im konkreten Falle bedeutete das für den Erzbischof von Trier eine wesentlich verbesserte Startposition, wenn der Besitz auf rechtsrhei­nischem Gebiet als immer gewesen galt.

Das die Dagoberturkunde, soweit sie „Speie“ anlangt, eine Fälschung ist, steht heute außer Zweifel.

Tatsache ist auch, und das sollte man ganz klar herausstellen, daß es keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, daß das Kloster Oeren zu irgendeiner Zeit als Grundherrschaft in Osterspai aufgetreten ist.

Dies zu sagen, ist deshalb wichtig, weil irrtümlicherweise immer wieder behauptet wird, das Kloster habe bereits 973 die Kirche in „Speia“ besessen. Das ginge aus einem Dokument hervor, wonach Otto 11. in diesem Jahre dem Kloster alle seine Besitzungen bestätigt habe.

Dieses Dokument gibt es, und es läßt sich auch nachweisen.

Es fällt aber schwer anzunehmen, daß es sich um die Kirche in Osterspai gehandelt haben könnte, zumal für Osterspai damals die Bezeichnung „Speie“ galt.

Viel eher liegt die Vermutung nahe, daß der heute ausgestorbene ehemals bei Zell an der Mosel gelegene Ort „Spela“ Gegenstand des Urkundentextes gewesen sein mußte.

Jedenfalls gibt es keinen Beweis dafür, daß in der Urkunde Ottos 11. vom 22. August 973 mit der Bezeichning „ecclesia in Speia“ die Kirche in Osterspai zum Ausdruck kommen sollte.

Wenn nun die Geschichte und Vorgänge um die Dagoberturkunde als enttäuschend empfunden werden mögen, weil aus einem Beweis für ein schon sicher geglaubtes hohes Alter von Osterspai nichts geworden ist, so wäre diese Auffassung wohl zu korrigieren.

Zum einen müssen geschichtliche Wahrheiten immer und ohne Abstriche anerkannt werden, zum anderen werden wir im folgenden sehen, daß die Geschichte unseres Dorfes viel weiter zurückreicht als es vorhandene Urkunden beweisen könnten. <//tr><//tr><//tr>

Quellenangabe zum Text:

Die Texte, Bilder und Fotos zum Thema Ortsgeschichte von Osterspai
sind teilweise Auszüge aus dem Buch "Ortsgeschichte Osterspai"
Herausgegeben von Karl Bender